Voll im Bild?
Die Mimesis von Literatur in “Sieben”. Beobachtungen zur Intermedialität.
Ein Essay von Matthias Bickenbach
(Erstmals erschienen in: Weimarer Beiträge. Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturwissenschaften, 44. Jg, H. 4 (1998), S. 525-537.)
Vorab
Die vorgenommene Lektüre testet Fährten und Spuren aus, die sich der Fernbedienung des Videorecorders verdanken. Was hier schriftlich versammelt und aufgereiht ist versteht sich als Plünderung eines buchstäblich assoziierten Archivs, das während der einfachen Rezeption im Bewegungsfluss der Bilder verschwindet. Rewind und fast forward, Standbild und Zeitlupe ermöglichen dagegen ein Blättern im Film und so erst eine Lektüre der ‘Stellen’ oder Bilder. Filme lesen bedeutet also Mikroskopie der Schnitt-Gewebe, Philologie des Zusammenschnitts. Die Darstellung eines Mediums in einem anderen wird hier mittels eines dritten beobachtet. Erst der Videorecorder gibt dem Medium Film die Zeit zurück, die dem Medium Literatur in seiner Form der poste restante eigen ist: Die Zeitform der Wiederholungslektüre, die aufgrund der fixierten Zeichen die Tempi ihrer Informationsverarbeitung variieren kann: Zeitlupe und fast forward, statarisches und kursorisches Lesen. Ermöglicht wird, den Film stark zu lesen.
Zu sehen ist dann, dass der Film namens “Sieben” (Seven – Sieben. USA 1994. Regie: David Fincher) auf der Figur des Schnitt-Gewebes selbst basiert. Sichtbar wird ein Archiv der Literatur, das hier nicht einfach bloß ‘repräsentiert’ ist als ein Inhalt des Films. Dass dabei auch etwas über Literatur zu lernen ist mag überraschen. Es ergibt sich daraus, wie sie hier ins Bild gesetzt ist: Nicht als Kultobjekt in Form des Buches, sondern – sagen wir zunächst – als Form von Beteiligung.
Schwarz auf Weiß
Schwarz ist der Leser. Weiß ist der Grund, der Hintergrund, der Kontext. Das ist der Kontrast und die erste Zusammenfügung. Der Ort des Films ist mithin die Schrift (in jedem Sinne), das Gewebe von schwarz auf weiß. Das zeichnet ihn aus. “Sieben” ist ein “Thriller”. Wir suchen demnach einen Täter und seine Gründe. Das Gesetz der Gattung schreibt das vor. Den ersten Toten gibt es vorweg schon frei Haus, aber darauf kommt es jetzt gar nicht an. Konzentrieren wird uns vielmehr auf die Darstellungsweise des Films, genauer auf die Schnittstellen zwischen Literatur und Film, die hier inszeniert werden und die “Handlung” dieses Krimis erst aus seiner Konventionalität befreien. Die Vaterfigur in diesem Film ist der schwarze Leser. Ein Polizist, wie man ihn kennt aus Film und Fernsehen. Der Mann steht kurz vor Beendigung seiner Dienstzeit, er ist dementsprechend souverän, ‘mit allen Wassern gewaschen’, also ein Mann des Erinnerns und Vergessens. Er ist ruhig, konzentriert und kompetent, aber er lebt allein, er ist einsam. Wie man sich ‘den Leser’ so vorstellt. Dieser Leser heißt (natürlich?) William.
Schnitt: Er trifft auf den jungen zornigen, ewig fluchenden Karrierist namens Mills. Der ist abhängig von Sprüchen und Bildern. Das ist die kulturelle Ausgangssituation, schwarz auf weiß, von der wir noch nichts wissen, weil der Film ja erst beginnt. Das ist das Tor, eine Drehtür. Um diese Konstellation dreht es sich. Ausgezeichnet ist der Film nicht durch seine Variation des Kriminal-Genres (”der neue Bulle und sein Partner”) oder durch den sogenannten Fall. Akribisch verrückte Serienmörder im “Thriller”, das sind wir gewohnt. Das schafft keinen Rausch-Signal-Abstand, lohnt nicht der Mühe konzentrierter Beobachtung. Anders hier. Dieser Film verbindet zwei mediale Grundfiguren miteinander: weben und schneiden. Dabei gelingt eine Darstellung von Literatur im Film besonderer Art. Zusammengeschnitten – also kontrastiert und verbunden – werden vor allem: Leser und Nicht Leser sowie Bildmedien und Textmedien, aber auch Buch und Text, Kriminalistische und ‘literarische’ Spurenlese.
Ziffernschrift & Scherenschnitt
Sehen wir uns den Anfang genauer an. Nach der Einleitungssequenz, die den ersten Mord wie den “neuen Bullen” vorstellt, sieht man den schwarzen detective auf einem Bett liegen. Er liest. Eintritt in ein anderes Reich: Ein ruhiges, warm erleuchtetes Zimmer, Hektik und Lärm der Straße sind ausgeblendet, die Konfrontation mit dem jungen Karrieristen ist vorbei. Topik der Leseszene: Das Bild eines Lesers. Er ist müde, legt das Buch beiseite und nimmt seine Brille ab. Die Kamera bleibt kurz auf dem Lese-Utensil, dieser Chiffre lesender Augen. William setzt einen Metronom in Gang. Das Stimmgewirr, welches die Tonspur einspielt, verschwindet, das Ticken des Metronoms rückt in den akustischen wie bildlichen Vordergrund. Noch bevor die Konvention des Krimis langweilig wird beginnt der Film jetzt:
Mit einem Schnitt: Schwarz, ein Donnerton, der Donner einer metallenen Tür, der Eintritt ins Purgatorium. Was nun folgt ist ein komplexes Gewebe schneller Schnitte und Überblendungen, so verflochten, dass die Verschriftlichung kaum noch Beschreibung versprechen mag: Ein aufgeklapptes Buch, die Seiten vom Kopf her in Großaufnahme, umblätternd. Eine Rasierklinge zwischen Fingerkuppen. Stellen, die jemand unterstreicht. Der Lesefinger. Typographie. Schriftzeilen, Handschrift, seitenweise geschrieben. Jemand schneidet Photographien und Zeitungsworte aus. Die momenthaften Sequenzen zeigen einen Herstellungsprozess und seine Operationen. Schnitte, Montagen, Cut up von Text. Zunähen und aufschneiden, falten, kleben, binden. Zu viele Tätigkeiten, um sie aufzuzählen.
Zugleich sind in diesen Vorspann die Namennennungen hineingeschnitten. Sie folgen dem treibenden Rhythmus der Musik und der Montage, es sind Intarsien. Erkennbar als eingelegte Ebene durch die klare Absetzung eines monochromen Schwarz als Hintergrund. Weiß auf Schwarz. Aber die Schrift der Namen ist so klein und die einer Handschrift nachempfundenen Schrifttype macht sie schwer lesbar. Die Namen sind geradezu winzig auf dem Schwarz des Bildschirm. Keine Lesbarkeit. (Nicht diese Funktion also hat Schrift hier, nicht unlesbar – seien wir fair – aber schwer entzifferbar zu sein.) Das allein ist schon überraschend. Die gesamte Sequenz begleiten Wackler, Schlieren, Verwischungen, optische Rückkopplungen: Bewegung. Das, was Film als Medium ausmacht, selbstreferentiell.[1] Ein Namenszug ruckt plötzlich einige Zentimeter nach oben links. Steht, verschwindet. Ein anderer verwackelt kurz, wird grell, so steht er noch kurz auf der Netzhaut. (Trägheit des Auges: Voraussetzung des Filmmediums.) Die Verwackler und die Dynamik der schnellen Schnitte lassen keinen Zweifel. Wir sind im späten zwanzigsten Jahrhundert der “Videoclipästhetik”. State of the Art? Schrecklich?[2]
Das ist die Form des Mediums Film, aber wie lautet die “message”? Ein anderes Medium: Das Buch, die Seiten, Schrift, Text. Das Nähen einer Seite – hat es Funktion? Zumindest nimmt es die etymologische Metapher des Textes als Gewebe explizit auf. Gewebe entstehen nicht, sie werden geplant und hergestellt. Das gilt für Literatur und Verbrechen gleichermaßen. Die Sequenz des Vorspanns inszeniert so den Zusammenfall von Textherstellung und Verbrechensplanung. Sie zeigt zugleich die Nahtstelle von/zwischen den verschieden Medien Film und Literatur. Aber kein Web-Rahmen. Kein Kontext der Referenz, der Sinn stiftet. (Alles Nahaufnahmen.) Wir, die Zuschauer, wissen noch nicht worum es geht. Vielmehr zeigt der Vorspann weiterhin Operationen: schneiden, ausstreichen anstreichen, durchstreichen. Schere, Klebstoff, Bilder, andere Materialien, Folien, Papier, Nadel und Faden. Eine ganze Reihe von Schreibweisen. Dann – mehrfach – der Titel: “Sieben”, nein, “Se7en”, ja: “se7en”. Kurz, grell, schnell, wie die Namen. Kein Buchdiskurs, offensichtlich, keine lateinische Schrift. Doch bevor wir das Ende der Schrift im Medium Film beschwören, muss ein Stutzen kommen. Ein wenig Blödigkeit tut not. Sieben? Symbolischer kann eine Zahl kaum sein. Sie ist beladen mit ganzen Archiven voller Schrift.[3] Es ist eine Chiffre, schwarz auf weiß, für ein Geflecht an Bezügen. Die Zahl in den Buchstaben (hineingeschnitten), ein Symbol in den Zeichen, also (auch) die Selbstreferenz selbst. Die Frage lautet folgerichtig: Welcher Text? Das ist exakt die Frage nach dem zweiten Mord, der Minimalbedingung des Serienmörders. Das singuläre Ereignis wird zur Struktur. Welchem Muster folgt der Täter? Was ist das Motiv? (Ursprungs-Fragen der Kriminalistik.) Jäger und Kriminalisten sind Hermeneuten. Sie vermuten das Wild außerhalb des Textes, hoffen auf einen Autor, der zum Ort des Geschehens zurückkehrt (Dichterlesung?). Spurensuche, das ist die Form der Lektüre und diese Suche inszeniert das Genre Krimi als Lieblingsunterhaltung der “Postmoderne”.[4]
Nach all den Spuren, die der Mörder hinterließ, ist dem Leser William klar geworden, worum es geht. Und er beweist zugleich seine Bibelfestigkeit, Ursprung so vieler Alphabetisierungen. Der Mörder hinterließ – mit Fett geschrieben an der Wand – das Wort “Maßlosigkeit” sowie einen Zettel mit einem Spruch. Ein Zitat. “Ist von Milton”, weiß der Leser sofort. Die Morde folgen – wie William nun seinem Chef und dem neuen Kollegen erklärt – dem Text schlechthin, sprichwörtlich, der Bibel, das Buch der Bücher. Sieben Todsünden, das ist das Muster, dem die Morde folgen. Ist damit alles klar? Ursprung und Motiv erkannt, Spuren gesichtet, Mörder bald gefasst? Nein. Sicher ist nur, dass noch fünf Morde folgen werden. Schnell – im Film zu schnell, um darüber nachzudenken – ist jedoch klar, dass die Bibel auch buchstäblich ein Text ist: Ein Gewebe von Überlieferungen und Versionen, ein Archiv der Bezüge und Nachdichtungen, ein Knäuel. Sieben Todsünden, das ist auch Kirchengeschichte, Konzile, das ist auch Motivik und große Literatur. Nicht das Buch ist hier das Paradigma, sondern die Kategorie Text. Aber Text differiert immer von sich selbst, das macht ihn produktiv und zugleich schwer lesbar.[5] Deshalb ist der Text ja auch ein Krimi. Und der Krimi ein literarischer Text.[6] Was tun? Bevor wir mit diesem Knäuel in die Bibliothek gehen, um dort die Fäden wieder aufzunehmen, frieren wir das Bild ein. Freeze!
Gewebe
Die schöne schwierige Kategorie Text. Das Gewebe (textum, textura), das ist die alte etymologische Erinnerung und Veranschaulichung der Tatsache, dass (literarische) Texte keine naturwüchsigen Objekte, sondern künstlich-kunstvolle Verknüpfungen vieler ‘Fäden’ darstellen. Das Spiel auf der Klaviatur dieser Metaphorik bietet sich an, wenn es sich auch schnell erschöpft und analytisch fragwürdig wird.[7]
Das semantische Archiv von ‘Gewebe’ und ‘Geflecht’ suggeriert jedoch allzuschnell den Teppich, auf dem zu bleiben dem Philologen bedeutet Metapher und Objekt nicht in eins zu setzen. Die Provokation der Kategorie liegt allerdings in dem Hinweis, dass des Webens kein Ende sei.[8] Der Text hat keine Herrschaft über seine Grenze, denn er besteht aus (Zeichen-) Verkettungen, deren pragmatische Sinn-Verwendung durch Kontexte reguliert wird. Doch weder Text noch Kontext lassen sich normativ an einen Sinn festbinden. Zu verabschieden sind die Konnotationen fester Web-Rahmen, Kettfäden und rote Fäden, die sich der Kenntnis von Zentrum, Anfang und Ende sicher glauben. Bücher mögen Anfang und Ende noch simulieren, Texte nicht. “Weben” ist selbst ein ganzer langer Text.[9] Wir finden Fäden, die aus Fäden bestehen, die verstrickt sind: Knäuel, Filz, Spuren von Spuren. Unmöglich, der Metapher ‘Text’ zu folgen. Löcher.[10] Tragisch: “Die Tragödie besteht aus Verknüpfung und Lösung.” Also knoten.[11] Und Schiffe.[12]
Aber keine Panik. Nicht jedes Gewebe ist kunstvoll und reißfest. Nicht jedes Knäuel lohnt der Mühe. Es kommt alles auf die Art der Verkettung an, nicht nur auf die schönen Muster, sondern auch auf Material, Nadel und Faden. Schauen wir uns die Gewebe genauer an. Wo sind sie geflickt und womit gestrickt? Wie werden Anschlüsse gesetzt, was wird geschnitten?[13] Das Besondere an “Sieben” ist nicht der Umstand, dass der Film versucht sich an den Faden zu hängen, den Das Schweigen der Lämmer gezogen hat[14], sondern dass die Kategorie Text explizit seine Referenz bildet. Es ist folgerichtig ein Krimi, der nicht in der erfolgreichen ‘Aufklärung’ aufgeht, obwohl der Täter gefasst wird. Seine Spurenlese folgt nicht dem kriminalistischen Kanon (Ballistik, Spurensicherung, Fingerabdrücke, Vorstrafenregister, kurzum: Identifikation), sondern einem Text-Verfahren, das mit “Sichten und Sammeln von Literatur” allenfalls lapidar umschrieben wäre. Literatur kommt in diesem Film daher vorrangig nicht als bedeutendes Buch vor. “Sieben” repräsentiert Literatur nicht, sondern was der Film bietet, ist eine Mimesis literarischer Operationen[15], die in Spannung zum Buch als Objekt gesetzt ist. Das ist mehr als Thematik[16], Motivik oder Symbolik.[17] In “Sieben” wird eine Enzyklopädie literarischer Operationen geboten. Das ist das semantische Archiv, das hier ‘assoziiert’ ist. Nicht das Buch der Natur, nicht Weltliteratur, weder “Kino der Autoren”, noch Literaturverfilmung sind hier ‘angesprochen’, sondern operativer Umgang mit Literatur. Der Film zeigt, in ungewöhnlicher Breite, die buchstäblichen und sprichwörtlichen Arbeiten am Text: Lesen und schreiben, heraussuchen, anstreichen, exzerpieren. Spurensuche oder Lektüre als sichten, sammeln, nachlesen. Mehr noch: Detektiv-Philologie als Textherstellung: Vergleichen und Prüfen, Urteilsbildung unter Beteiligung von Emendation und Konjektur. Denn Texte sind keine simplen Objekte, die man findet. Man muss sie schon herstellen, schreibend oder lesend. Auch das hatte uns Agent Starlings Mentor Hannibal Lecter gelehrt.
Initiale und Schnitt
Am Anfang war das Buch, doch wo Buch ist soll Text werden? Das Buch als Objekt wird in “Sieben” allerdings geschickt als Initiale genutzt. Es steht am Anfang, ‘reich verziert und stark hervorgehoben’. Buchdiskurs: Die klassische Lesesituation mit allen Zutaten. Man ist allein, still, für sich, der Leser ist aufmerksam, konzentriert und gespannt auf etwas, das noch kommen soll. Die aufmerksamen Augäpfel Williams. Insofern scheint “Sieben” das Kultobjekt Buch sehr seriös zu repräsentieren. Alle impliziten und expliziten Attribute, die der Figur des Lesers und der Lesesituation verliehen werden, deuten auf Ernsthaftigkeit und Wert. Eine Vielzahl von schönen und klassischen Buchattributen werden ins Bild gerückt: Buchstaben, Seiten, Typographie, Druck und Handschrift, die schöne Ausgabe, der Ledereinband. Eine von grünem Opalglas erleuchtete Bibliothek in Echtholz. Die Ruhe der Bibliotheks- und Leseszenen kontrastiert der Hektik der Außenwelt mit seinen anderen Transport- und Kommunikationsmedien. Wird hier etwa billige Kulturkritik betrieben? Buch versus Leben? Nein, falsche Fährte. Das Buch wird weder ‘dem wirklichen Leben’ kontrastiert, noch gegen ‘die Medien’ ausgespielt. Das Archiv der Textmetapher erlaubt vielmehr einen Zusammen-Schnitt der Medien Film und Literatur. Dieser Schnitt ist die beherrschende Figur des Films.
Aber was aber ist ein Schnitt? “SCHNITT. Die letzte Stufe der Filmherstellung. Dabei wird das gedrehte Material an Hand der Arbeitskopie vom Cutter zunächst dem Rohschnitt unterzogen, schließlich dem Feinschnitt bis zur endgültigen Fassung (Final cut). Die gedrehten Einstellungen werden auf die gewünschte Länge geschnitten und mit anderen Einstellungen zusammen geklebt. Die ästhetische Seite des Schnitts wird meist Montage genannt.” Soweit das Handbuch.[18] Demnach ist der Schnitt die Basisoperation des Mediums Film. Der Schnitt ist die notwendige Technik der Selektion sowie der Kombination. Er ist der Faden, der die Einheiten zusammenbindet, die Fadenheftung des Films. Schnitt bedeutet das schwierige Doppel einer Figur, die zugleich trennt und verbindet.
Der Schnitt durchquert das Buch. Lektüre als Operation der Schnitte bedeutet exzerpieren (excerpere = herausschneiden), das Zerlesen von Einheiten zu ‘Stellen’.[19] Stellen, freilich, die müssen erst einmal gefunden werden. Der Film “Sieben” zerschneidet konsequent das Buch als Einheit. Ebenso konsequent ist der Herstellungsprozess des explizit (nach fünf Morden) als “Meisterwerk” angesprochenen Verbrechens als die Herstellung eines geplanten komplexen Gewebes inszeniert. Der Leser-Polizist weiß, dass er die Topoi nachlesen muss. Welche Todsünde kommt als nächste und wie sieht ihre Strafe – in welcher Überlieferungsversion – aus? Sinn und Bedeutung, Motiv und Intention des Täters werden sich nur durch den Rahmen, den Kontext ergeben können. Was tun? William weiß jetzt worum es geht. Die Spur ist da, Zusammenhang und Sinn stellen sich in diesem Rahmen ein. Er geht in das alte Reich der Information, das der Bücher, in die Bibliothek. Dort ist die Spur – jenseits der Labors der Kriminalistik – aufzunehmen.
In der Bibliothek
“Nachschlagen” möchte William, als er die Bibliothek besucht. Er sucht Bücher über die Sieben Todsünden und erweist sich als geprüfter Leser. Er kann Bücher nämlich nicht nur schnell durchlesen (gelobte Hochkulturtechnik), sondern vor allem findet er die scheinbar wichtigen Bücher in der Bibliothek. Das setzt komplexes Vorwissen voraus, über Literatur und ihre Kanones ebenso wie über bibliothekarische Ordnungssysteme. Aber William ist vertraut mit und bekannt in der Bibliothek. Als buchstäblich letzter Leser wird er herzlich begrüßt von den Angestellten einer Bibliothek, die sanft illuminiert und vollkommen leer ist. Niemand anders scheint hierher zu kommen. Er verstehe das nicht, sagt William zu den kartenspielenden Angestellten, so viele Bücher hier, “eine Welt des Wissens”. Die verstehen das sofort: Sie hätten schon genug Kultur, lachen sie, einer schaltet daraufhin den Ghetto-Blaster an. Ob ihm das als Kultur reiche? Es ertönt: Johann Sebastian Bach, Orchestersuite Nr. 3 (BMW 1068). Sie verbindet in D-dur eine Bibliotheksszene, die als Parallelschaltung zwischen William und Mills, zwischen Text und Bild inszeniert ist. Im steten Wechsel werden beide Medien einander kontrastiert und verbunden.
Während der Kamerafahrten an den Buchregalen entlang, werden Buchrücken eingeblendet. Der Zoom als Mimesis des suchenden Bibliotheks-Blick: “CHAUCER, Canterbury Tales”, “DANTE ALIGHIERI Divine Comedy”. Schnitt: auf Mills: Ein Foto vom Tatort. William bringt Bücher zu einem Arbeitsplatz, versenkt sich in sie, still. Mills dagegen liest sich selbst etwas vor, man hört wie er liest: “das Opfer gezwungen sich selbst zu verstümmeln”. Dann das Gelesene in Schreibmaschinentype. Kein klassischer Text, sondern die subscriptio der Gerichtsmedizin, die unten rechts auf allen Tatort-Fotos klebt. Kommentar der Mediziner. Schnitt. William liest – alten Studienregeln folgend – mit Stift in der Hand. Auch er sieht sich jetzt Bilder an: Illustrationen zur Göttlichen Komödie, zu den dort beschriebenen Exempeln der Strafen.[20] Die Kamera fokussiert sein Gesicht, die Augäpfel, ganz Aufmerksamkeit, ganz Konzentration. Es entsteht eine Nachricht: “Mills, mal folgende Bücher sichten” (Man hört die Stimme, während man das Geschriebene sieht.): Chaucer: “Canterbury Tales”, Dante: “Göttliche Komödie”, sagt die Synchronstimme, auf dem Zettel steht es genauer: Purgatory. Es folgt noch ein Nachschlagewerk, das “Handbuch des Katholizismus”.
Es folgt die Darstellung eines Leseprozessen im Medium Film, d. h. Überblendung und Schnitt: Über das Profil Williams werden blätternde Seiten geblendet bis fünf Textzeilen das Bild ganz ausfüllen. Die Kamera schwenkt etwas nach rechts, damit der Text auch ganz zu lesen ist, blendet wieder das Gesicht ein und überblendet dieses wieder mit Text, größer, diesmal nur drei Zeilen: “Fade out”, das ist zu lesen. Dann ein Schnitt zum Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit: Ein Buch von einer Hand auf den Kopierer gedrückt. Und wieder zurück. Das Gesicht des Lesers, er nimmt die Hand an der Kopf (Melancholiegeste), wieder blätternde Seiten und Text, diesmal nur eine Zeile (”seven children slain”), kurz eine dreifache Überblendung. Erneut Williams Gesicht, die Kamera fährt um ihn herum, während er sich nicht bewegt, sein Blick ist gefesselt. Kein Zweifel, der Mann liest gerne. Er hat seinen Quellentext in Dantes Purgatorium gefunden. Aber es nützt doch nichts. Denn bei Dante kann man vor allem etwas über das Flechten von Texten lernen.[21]
Mills dagegen sieht schon die laufenden Bilder des Fernsehens. Schnitt: William steht am Fotokopierer. Copia: Ein altes Buch, zweispaltiger Text in Versen, mit Holzschnitt, der gerade noch sichtbar wird. Die Kopfzeile notiert: Purgatorio. Canto 22. Nächste Kopie, Plan of Dante’s Inferno. William glaubt, relevante Stellen gefunden zu haben. Er exzerpiert sie, so wie es nur der Fotokopierer ermöglicht: Identische Verdopplung. Dann steckt er die Kopien für den Kollegen in einen Umschlag. Der macht sich aber nichts aus Texten. Zwar besorgt er sich die angegebene Literatur, als Taschenbuch, doch ob er die Informationen, die Varianten zum Thema je gelesen hat, wird an keiner Stelle des Films klar werden. (Das Finale deutet eher auf das Gegenteil hin.) Die Taschenbücher verschwinden in der berühmten Schublade seines Schreibtisches. Sein Medium sind nicht die literarischen Operationen. Der Mann ist abhängig von visuellen Informationen, er ist süchtig nach Bildern. Bilder vom Tatort, Fahndungsphotos, Fingerabdrücke, das ist das Material, auf dem er Spuren sucht, das sind die Medien, mit denen er umgeht. Negativ/Positiv, nicht Original/Kopie.
Text kann man nicht sehen. Man sieht nur Buchstaben, Worte, Zeichen. Wenn man einen Text verstehen will, muss man lesen lernen, wie er gemacht ist. Der Krimi als Poetik. Das zeigt die Szene, in der ein Fingerabdruck zum Text wird. Erst als William die Wand – hinter einem vom Mörder zum Zeichen umgedrehten Bild – mit Puder bestreicht, wird die Struktur einer Handschrift sichtbar. Die Spur der Spuren des Kriminalisten: Der Fingerabdruck. Jene Papillarlinien, die Identifikation ermöglichen. Die Handschrift leistet, was Schrift nicht leistet. Doch die Insignie kriminalistischer Treffsicherheit führt hier auf Abwege. Falsche Referenz. Der Täter ist zu geschickt im Mischen der Register. Die Hand stammt gar nicht vom Mörder. Er hat sie exzerpiert, abgeschnitten. Das Zeichen verweist so auf das nächste Opfer, das gefunden werden soll. (identifiziert von einem Computer im brute force Rechenprozess.) Es wird sich herausstellen, dass man über den Täter nichts weiß und nichts wissen wird. Keine Fingerabdrücke, weil er sich die Haut abschält, keine “Papiere”, keinen richtigen Namen, kein Motiv. Alle kriminalistischen Spurensicherungen gehen ins Leere. Doch Mills glaubt nicht an Methode und Plan, er hält den Täter schlicht für einen Irren.
Schlagwortkatalog
Aber einmal finden sie ihn doch. Da William weiß, dass der Täter Leser sein muss, er zitiert schließlich, erstellt er eine Liste mit Suchworten. Volltextrecherche ist angesagt. Die Szene ist kurz, ein Computer und sein Drucker wirft die Liste aus (das wünscht man sich.). Damit schaltet William um auf empirische Leserforschung: Wer liest und leiht Bücher zum Thema? Was muss der Täter gelesen haben, um so handeln zu können? Der Film überantwortet diese Forschung der Institution eines FBI: “Sie beobachten Lesegewohnheiten”. Es folgt eine Liste von Entleihern der ermittelten Bücher, aus der sie einen Treffer herausziehen. Thomas von Aquin bringt sie auf die Spur.
Die Umkehrung dieser Szene des glücklichen Fundes durch richtige Suchkriterien folgt jedoch sofort: Sie finden die Wohnung des Täters. Alles ist voll mit den Materialien des Planungs- und Herstellungsprozesses, den der Vorspann gezeigt hat. Eine Textwerkstatt. Bilder, Ausschnitte, Photographien und Negative. Vor allem aber finden sie 2000 Tagebücher à etwa 250 Seiten. Die Handschrift des Täters. Seine Bekenntnisse? Autobiographie? Was kann man aus soviel Text entnehmen? Der Nicht-Leser Mills fragt auch sofort, ob etwas über die Morde darin stünde? Sicherlich, nur wo? William führt ihm vor, dass man zwar Exempel des üblen Zynismus zitieren kann, nicht aber die entscheidenden Stellen heraussuchen. Er rechnet ihm vor: Selbst wenn 50 Männer den ganzen Tag läsen, dauerte es zwei Monate. Damit hat sich auch die literarische Spurensuche verheddert.
Endspiel
Was bleibt ist der Text, fünf Morden nach Plan und ein Subjekt, das sich im Polizeirevier seinen Jägern freiwillig stellt. Nur das ihnen auch das nichts nützt. Über das Subjekt ist nichts bekannt. Der Mörder ist schon wieder einen Schritt besser im Umgang mit dem Archiv. Er hat eine alte literarisch-dramaturgische Figur inszeniert: Sein Endspiel ist das myse en abyme. Weil das sechste Opfer die Frau des Nicht-Lesers gewesen ist, weiß der Mörder, dass er – hingerichtet durch die Hand des zornigen jungen Polizisten – das siebte Opfer gewesen sein wird. Er selbst geht in den Text ein, den er gewebt hat: Neid, das ist seine textimmanente Begründung. Diese Figur kann der Leser William zwar noch einmal durchschauen, er kann sie während des showdown seinem Partner auch noch erklären, aber er kann es nicht mehr ändern, dass der Nicht-Leser das “Werk” vollendet. Mills folgt der Grammatik Hollywoods: Happy End oder Rache. Kein Drittes.[22] Ein Bote liefert den Kopf der Frau, die Sendung kommt an, und der Mörder stirbt als letztes seiner Opfer. Die Karriere des jungen Polizisten ist vorbei. Der letzte Leser bleibt allein in der Wüste. Und wir bleiben ratlos. Nach so viel geschicktem Aufwand ein Schluss, der nicht überzeugt. Es ist halt bloß ein Film, mag man sich denken. Als Zuschauer geht man einen trinken. Aber als Leser fragt man sich: Hätte William nicht wissen müssen, dass Zorn und Neid als letzte Todsünden anstehen? Er wusste es und sprach es aus, in der Szene, in der er die Struktur der Morde entdeckt hat. Hätte er die Anwendung nicht leisten müssen, Mills = Zorn, Mörder = Neid? Eine einfache Übung. William hat sie nicht erbracht. Woran liegt das? Was macht ihn so blind? Möglicherweise liegt es daran, wie er liest. Er bleibt ein klassischer Leser, der nach-liest. Er wird immer zu spät gekommen sein. Grund genug abschließend die mediale Konstellation des Films noch einmal zu entwickeln.
Reprise: Achtung! Leser am Werk
Klassischer Leser, das ist hier der Name derjenigen, die gute Bücher durchlesen und in ihnen “eine Welt des Wissens” – so William in der Bibliothek – finden. Der klassische Leser liest Dante nicht, um etwas über die Vertextungsvefahren Dantes zu lernen. Er liest mit Vergnügen einen Sinn, den seine Kultur als “besonders wertvoll” ausgezeichnet hat. Dass “Sieben” William als einen solchen Leser mit allen Attributen zeigt, der notwendig scheitert, ist mutig. Es weist jedoch keineswegs darauf hin, dass ein solches Lesen obsolet wäre. Vielmehr ist es ein Hinweis darauf, dass man beides können müsste, um erfolgreich zu sein: klassisch lesen und – ja was? – sagen wir zunächst: aufschneiden können.[23] Das Problem ist nicht, dass Williams Lektüre Sinn und Zusammenhang herstellt, sondern das Problem besteht darin, dass der klassische Leser an einen Rahmen glauben will, er muss dem Wert und der Autorität seiner Bildung vertrauen. Framing the sign – das ist die Kunst und die Falle. Der Rahmen, das war hier zum einen die christliche Tradition, der Text ‘Todsünde’, das ist hier jedoch zum anderen vor allem Dante gewesen, das gute Buch, für das Dantes Göttliche Komödie einsteht. William vertraut der Autorität eines Bildungskanons, die genau darin besteht, Sinn nicht nur zu stiften, sondern vielmehr andere Sinnangebote auszuschließen.
Der Film inszeniert so ein lehrreiches Mediendreieck: Der ‘Bildungsbürger’ William ist auf das gute Buch fixiert, während Mills auf Standbilder, auf Photorealismus fixiert ist. Die Opposition Buch vs. Bild ist eine weitere Falle. “Sieben” inszeniert diese vermeintliche Opposition mittels der Figuren der Detektive, während der Täter – wie auch das Filmmedium selbst – Bilder und Bücher ineinander verknüpft. Dem Film gelingt das, wie gesagt, durch das aktivierte Archiv der Textmetapher, das in den Anfangssequenzen inszeniert wird. Die Textmetapher löst die starre Opposition zwischen Buch und Bild auf.[24] Der Text des Mörders ist weder auf kanonische Werke noch auch bestimmte Medien fixiert, sondern mischt Materialien und Werkzeuge. Er unterläuft und überfordert damit die kulturellen Fixierungen der Detektive. Weil William seinem Webrahmen vertraut und Mills dem sprichwörtlichen Photorealismus der Bilder, gehen beide in die Falle. Ihnen entgeht tatsächlich ein Faden, der einem Sherlock Holmes aufgefallen wäre, weil dieser einem modernen Spur-Paradigma folgt, das keine Unterschiede mehr zwischen Spuren kennt. Sinnfällig substituiert Sherlock Holmes die Lesebrille durch das Vergrößerungsglas.[25] William orientiert sich nicht am Paradigma ‘Text’. Was nennt er als Pflichtlektüre zum Fall? Milton, Paradise lost, Chaucer, Canterbury Tales. Wie bitte? Schwer, hier Aufschlüsse über Todsünden, geschweige denn über den Mörder zu finden. Aber gute Literatur. Der Rahmen, den die Lesebrille des klassischen Lesers steuert, ist das gute Buch. Auch deshalb mag William die Tagebücher des Mörder nicht lesen. Auch deshalb wird kein Graphologe hinzugezogen? Und deshalb bedient er sich literarischer Spurensuche und nicht etwa der naheliegenden M.O. Runs.[26] William vertieft sich dagegen in die Klassiker. So geht er einer Spur nicht nach, die er selbst zufällig gezogen hatte.
Mit der Fragestellung, “was muss er gelesen haben”, welche die empirische Leserforschung des FBI auf den Plan ruft und zur Wohnung des Mörders führt – in diesem Brainstorming – findet sich der Link zu einem ganz anderen Archiv: “Helter Skelter”. Stop. Dort wäre der Faden aufzunehmen gewesen. Denn Charles Manson ist die verdeckte Figur dieses Thrillers. Der Fall Manson mit seinen “Ritualmorden” gibt zahlreiche Paradigmen für “Sieben” ab. Schrift an den Wänden, explizite Bezüge auf das Buch der Offenbarung, religiöser Wahn und die Verflechtung von Rache und Gerechtigkeit mit rituellen (Mord-) Praktiken. Nicht zuletzt ein Medien-Mix, der berühmte Zusammenschnitt Mansons von Beatles und Bibel, von Transaktionsanalyse, Satanismus, Hippieleben, Drogen und Hopi-Mythologie.[27] Aber Charles Manson ist ein zu monströser Text, ist zu ernst und zu nahe dran an Hollywood. Es ist jener Textfaden, der auch in “Sieben” emendiert wurde.
[1] “‘Wenn es eine Kino-Ästhetik gibt”, sagt René Clair, ‘kann sie in einem Wort zusammengefasst werden: Bewegung.’” Zitiert nach John Berger: Was ist Film? In: Lettre international 12 (1991), S. 61-64, hier S. 63.
[2] Der schnelle Schnitt durch das Auge symbolisiert zudem das, was seit der Filmavantgarde – Stichwort Un chien andalou – die Schock-Montage ausmacht. Sieben schockiert gezielt durch die hineingeschnittenen Bilder der Opfer, deren Kürze als Leerstelle (nach-)wirkt. Die Trägheit des Auges imaginiert und transportiert den Schrecken (Dank an Michael Rutschky). Zum Thema siehe Werner Köster: Schockierende Bilder. Gegen die Texttheorie des Films. In: Luis Bunuel: Film – Literatur – Intermedialität. Hg. v. Ursula Link-Heer und Volker Roloff. Darmstadt 1994, S. 66-82. Kösters engagierter Einspruch richtet sich gegen Applikationen der Textmetapher als einem geschlossenen semantischen System (J. Lotmann, Chr. Metz). Der Blick auf fortführende Fäden böte Abhilfe.
[3] Siehe nur Die Offenbarung des Johannes. Oder Heinz Meyer und Rudolf Suntrup: Lexikon der mittelalterlichen Zahlenbedeutungen. München 1987.
[4] So Umberto Ecos Kommentar zum Krimi als “Konjektur-Geschichte […]. Eine Geschichte, in der es um das Vermuten geht”. Umberto Eco: Nachschrift zur Name der Rose. München 1986, S. 63 ff. Zum Paradigma der Spur siehe Carlo Ginzburg: Spurensicherung. Der Jäger entziffert die Fährte, Sherlock Holmes nimmt die Lupe, Freud liest Morelli – die Wissenschaft auf der Suche nach sich selbst. In: ders.: Spurensicherungen. München 1988, S. 78-126.
[5] “[T]he way in which a text thus differs from itself is never simple: it has a certain rigorous, contradictory logic whose effects can, up to a certain point, be read.” Barbara Johnson: The Critical Difference, S. XI. Zu dieser Perspektive auf die Kategorie Text siehe Jonathan Culler: Dekonstruktion. Reinbek 1988.
[6] “To call a text literary ist to trust that it will make sense eventually, even though its quality of reference may be complex, disturbed, unclear.” Geoffrey Hartmann: Saving the text. John Hopkins UP 1981, S. xxi.
[7] Vgl. etwa Kurt Röttgers: Diskursive Sinnstabilisation durch Macht. In: Jürgen Fohrmann, Harro Müller (Hg.): Diskurstheorien. Frankfurt a. M. 1988, S. 114-133, hier S. 120. Gerade weil “Text” als Kategorie primordial ist, tauge sie nicht zur Analyse. Gegen die Ausdeutung in Richtung unabschließbarer Zeichenverkettungen wendet sich auch Clemens Knobloch: Zum Status und zur Geschichte des Textbegriffs. Eine Skizze. In: LiLi 20/77 (1990), S. 66-87.
[8] Das ist nicht selbstverständlich. Noch Lotman definiert Text, ohne die Kategorie nur auf Geschriebenes zu beschränken, mit der “Eigenschaft begrenzt zu sein”. Juri M. Lotman: Die Struktur literarischer Texte. Übersetzt v. Rolf-Dietrich Keil. München 1972, S. 84.
[9] “[V]om historischen standpunkt aus müssen drei worte unterschieden werden, von denen die beiden ersten vielleicht dieselbe etymologische grundlage haben, das dritte ist ursprünglich ein ganz anderes wort, ist aber später mit dem zweiten zusammengeworfen worden.” Art. weben. In: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Bd. 27, Leipzig 1922, Nachdruck München 1984, Sp. 2620-2654, hier Sp. 2620.
[10] “Es sei erinnert, daß weben (trameare) zuerst Löcher machen, durchschießen, das Hier-und-dort der Kette verarbeiten heißt.” Jacques Derrida: Tympanon. In: ders.: Randgänge der Philosophie. Übersetzt v. Günter Sigl. Wien 1988, S. 13-27, hier S. 27.
[11] Aristoteles: Poetik. Griechisch / Deutsch. Übersetzt und hg. v. Manfred Fuhrmann. Stuttgart 1984, 18. Kap., 1456a. “Viele schürzen den Knoten vortrefflich und lösen ihn schlecht wieder auf; man muß jedoch beides miteinander in Übereinstimmung bringen.” (S. 59).
[12] Das Webschiffchen läuft hin und her, das ist “Diskurs”. Weitere Übertragung der Metapher – von Schiff zu Schiff: “Die römischen Dichter pflegen die Abfassung eines Werkes einer Schiffahrt zu vergleichen.” Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. 11. Aufl., Bern 1993, S. 138.
[13] “How to cut. Genau das ist die Frage, das ist das Formproblem […]. Das Problem des Anschlusses ist als Schnittproblem zu behandeln.” Georg Stanitzek: Talkshow-Essay-Feuilleton-Philologie. In: Weimarer Beiträge 38/4 (1992), S. 506-528, hier S. 521.
[14] Vgl. Kurt Scheel: Filme. Eine Kolumne. In: Merkur, Nr. 563 (Februar 1996), S. 147-151.
[15] Mimesis nicht als Abbildungs-, sondern als Darstellungsrelation einer Poiesis verstanden. Vgl. Gunter Gebauer und Christoph Wulf: Mimesis. Kultur – Kunst – Gesellschaft. Reinbek 1992.
[16] In Filmen wie Barton Fink oder Die Vorleserin.
[17] Vgl. Detlev Kremer: Peter Greenaways Filme. Vom Überleben der Bilder und Bücher. Stuttgart, Weimar 1995.
[18]: James Monaco: Film verstehen. Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films. Reinbek, Rowohlt 1980, hier S. 406, ausführend zur Montage S. 202 ff.
[19]: Zu diesem Lesen als sammeln (collegere) Michael Cahn: Das Schwanken zwischen Abfall und Wert. Zur kulturellen Hermeneutik des Sammlers. In: Merkur 45 (1991), S. 674-690, hier S. 683.
[20] Siehe Dantes Göttliche Komödie, II. Teil, Purgatorium, 10. bis 27. Gesang. Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Italienisch/Deutsch. Übersetzt und kommentiert v. Hermann Gmelin. 6 Bde. München 1988.
[21] Vgl. den Kommentarband zum Purgatorium von Hermann Gmelin, Bd V, S. 7 ff. Die Kirchenlehre zum Thema Läuterung stützt sich nur mühsam auf drei einzelne Bibelstellen. Dante “schöpft” daher aus verschiedenen Registern, “jüdische Kosmologie”, “hellenistische Tradition”, “Patristik”. Auch die Darstellung der Bußen für die sieben Sünden ist bei Dante aus verschiedensten Quellen montiert.
[22] Das Dritte wäre die Einsicht gewesen, dass der Mörder seinen Text verfehlt hat: Mills ist das sechste Opfer, er ist der Zornige. Also war seine Frau ein unschuldiges Opfer, von ihrem Ungeborenen zu schweigen. Damit wäre die Mission des Mörders, sein Wahn göttlicher Todesengel zu sein, der die gerechte Strafe bringt, geplatzt. Ob er sich hätte überzeugen lassen?
[23] Das ist “Retexendus”: “Quid primum in analysi / Ante omnia tractatus ille, qui retexendus sumitur, est perlegendus; primo cursim, deinde cum cura” Diese Operation der Analyse i. U. zur Exegese empfiehlt schon Johann Heinrich Alsted: Encyclopaedia septem tomae distinctae. Herborn 1630. Lib. 35, Sectio 21. Zum Kontext dieser Lektüretechnik Matthias Bickenbach: Von den Möglichkeiten einer >inneren< Geschichte des Lesen. Tübingen 1999, S. 140f.
[24] Text und Bild ist keine Opposition, wie die Reflexion auf die Bildlichkeit von Sprache und die Sprachabhängigkeit von Bildern schnell zeigt. Das hat lange Traditionen. Vgl. hier nur den Art. Bild. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Hg. v. Gerd Ueding. Bd. 2 (1994), Sp. 10-30. Eine andere Möglichkeit, die Opposition aufzulösen, besteht darin, die basalen Operationen genauer zu beobachten, also die psychophysischen und kognitiven Prozesse von Lektüre, Bildbetrachtung und Film. Lehrreich dazu ist Sabine Gross: Lese-Zeichen. Kognition, Medium und Materialität im Leseprozeß. Darmstadt 1994.
[25] Vgl. Ginzburg: Spurensicherung. (Anm. 4). Anders gesagt: William besteht den Scharfsinnigkeitsbeweis nicht, der für Krimihelden konstitutiv ist. Vgl. Christine Shojaei Kawan: Holmes, Marlowe, Bond & Co. Kleine Typologie der Krimihelden. In: Hören Sagen Lesen Lernen. FS Für Rudolf Schenda. Hg. v. Ursula Brunold-Bigler und Hermann Bausinger. Bern u. a. 1995, S. 661-678.
[26] Modus Operandi Runs stellen per Computer alle Verbrechen gleicher Verfahrensweise zusammen. Hier etwa Schrift an der Wand, religiöser Kontext, Ritualmord. Entsprechende Daten werden in den USA im State Bureau of Criminal Identification and Investigation per Computer seit den späten 60er Jahren gesammelt.
[27] Ausführlich ist Ed Sanders: The Family. Die Geschichte von Charles Manson und seiner Strand-Buggy Streitmacht. Deutsch v. Ortwin Erdmann. Reinbek 1972.









[...] Die Mimesis von Literatur in “Sieben”. Von Matthias Bickenbach. In Caligari. [...]